Es ist Sonntagmorgen: Ich komme in einen Gottesdienst. Vorne auf der Bühne platzieren sich die Musiker an den Instrumenten, die Sänger stellen sich vorne verteilt auf die Bühne, der Gitarrist spricht ins Mikrofon und fordert die Gemeinde auf, für die Anbetungszeit aufzustehen.
Er redet vom Leben mit Gott, liest einen Bibeltext vor und gibt uns einen biblischen Grund, warum wir Gott anbeten sollen. Die Musik beginnt, die Sänger stimmen das Lied an, die Gemeinde singt mit, zwischendurch höre ich um mich herum, wie jemand eine Altstimme oder eine Oberstimme singt, wie Leute das Gesungene durch ihre Gestik unterstreichen, wiederum andere schließen ihre Augen. Am Ende der Session betet er. Alle setzen sich hin und hören der nachfolgenden Predigt zu. Aber für mich stellt sich eine Frage: Was ist hier eigentlich grade passiert?
Wie komme ich auf dieses Thema?
Für diejenigen, die nicht mit so einer Art Lobpreiszeit aufgewachsen sind, sind die eben beschriebenen Dinge bestimmt ungewöhnlich gewesen, als sie zum ersten Mal bei so einer Form der Anbetung Gottes dabei waren.
Ich selbst bin nicht mit der sogenannten „Lobpreiszeit“ in den Gottesdiensten aufgewachsen. Als Neuling habe ich diese besonders beobachtet. Für mich hat sich auch die Frage gestellt, wie hochsensible Menschen die Lobpreiszeit wahrnehmen – wahrscheinlich, weil ich mich selbst als Hochsensible bezeichnen würde.
Ich selbst bin kein Experte auf dem Gebiet, aber habe hier einiges zusammengetragen:
Hochsensible erleben ihre Umwelt (wie Menschen, Licht, Geräusche) intensiver wahr, nehmen den Gemütszustand der anderen wahr und sind empathisch, oft künstlerisch und denken gründlich über Erlebnisse und Informationen nach, was schnell zur Reizüberflutung führen kann.
Während der Lobpreiszeit kommen einige der o.g. Punkte bei Hochsensiblen zum Tragen und stellen sie vor Herausforderungen, weil sie mehr wahrnehmen, als andere Menschen aus dem Publikum.
Biblische Lobpreiszeit – hochsensibler Schreiber?
In der Bibel gibt es eine Beschreibung einer Lobpreiszeit:
„Und es geschah, als die Priester aus dem Heiligen hinausgingen […] und als die Leviten, die Sänger ⟨waren⟩, […] mit Zimbeln und mit Harfen und Zithern an der Ostseite des Altars standen und bei ihnen etwa 120 Priester, die auf Trompeten trompeteten –, und es geschah, als die Trompeter und die Sänger wie ein Mann ⟨waren⟩, […] den HERRN zu loben und zu preisen, […] da wurde das Haus, das Haus des HERRN, mit einer Wolke erfüllt. Und die Priester konnten wegen der Wolke nicht hinzutreten, um den Dienst zu verrichten. Denn die Herrlichkeit des HERRN erfüllte das Haus Gottes.“ Aus 2. Chr. 5,11-14 ELB
Bei diesem Text habe ich einige Nebensätze ausgeklammert. Die Handlung des Textes ist auch ohne die weiteren Informationen verständlich. Wenn wir uns den gesamten Text anschauen, merken wir, wie viele Informationen nebenbei wahrgenommen werden.
„Und es geschah, als die Priester aus dem Heiligen hinausgingen – denn alle Priester, die sich eingefunden hatten, hatten sich geheiligt, ohne sich an die Abteilungen zu halten – und als die Leviten, die Sänger ⟨waren⟩, sie alle, nämlich Asaf, Heman, Jedutun, ihre Söhne und ihre Brüder, in Byssus gekleidet, mit Zimbeln und mit Harfen und Zithern an der Ostseite des Altars standen und bei ihnen etwa 120 Priester, die auf Trompeten trompeteten –, und es geschah, als die Trompeter und die Sänger wie ein ⟨Mann waren⟩, um eine Stimme hören zu lassen, den HERRN zu loben und zu preisen, und als sie die Stimme erhoben mit Trompeten und Zimbeln und Musikinstrumenten beim Lob des HERRN: Denn er ist gütig, denn seine Gnade ⟨währt⟩ ewig! – da wurde das Haus, das Haus des HERRN, mit einer Wolke erfüllt. Und die Priester konnten wegen der Wolke nicht hinzutreten, um den Dienst zu verrichten. Denn die Herrlichkeit des HERRN erfüllte das Haus Gottes.“ 2. Chr. 5,11-14 ELB
Ich wage zu behaupten, dass es manchen hochsensiblen Leuten ähnlich ergeht, wie dem Schreiber des zweiten Buches Chronik. Hier sind einige Hintergrundinformationen in dem Text enthalten. Aus den Nebensätzen erfahren wir die Umgebung des besonderen Momentes im Volk Israel: Informationen zu den Personen, wie Namen und Outfit, zu dem, was bei den Priestern vor der Anbetungszeit passiert ist und welche Instrumente und welches Lied bei dem besonderen Moment gespielt wurden.
Dieses Erlebnis, bei dem der Tempel mit der Herrlichkeit des Herrn erfüllt wurde, ist sicherlich ein eindrücklicher und bewegender Moment für das Volk gewesen. Der Einzug von Gottes Herrlichkeit in den Tempel war die Antwort auf das unzählige Opfer des Volkes, auf das Bringen der Bundeslade in das Allerheiligste im Tempel und das Lob Gottes. Vor diesem Hintergrund ist es durchaus verständlich, dass auch „nebensächliche“ Informationen beschrieben wurden, um das genaue Ereignis mitzuteilen.
Tipps für Hochsensible
Wenn es dir also ähnlich, wie mir und wie vielleicht auch dem Schreiber des Bibeltextes ergeht, möchte ich dir Mut machen: Es ist ein großes Geschenk, dass du mehr aufnehmen darfst, als vielleicht dein Sitznachbar.
Vielleicht ist es eine besondere Zeit in deiner Beziehung zu Gott, weil du ihn darin noch mehr erlebst oder diese eine Wahrheit aus dem Lied grade brauchst.
Vielleicht bekommst du mit, was in der Kommunikation auf der Bühne passiert, wie der Klavierspieler reagiert und weiterspielt, wenn er grade einen falschen Ton gegriffen hat. Bete für die Band, wenn dir das auffällt und es dich bewegt.
Vielleicht merkst du, wie eine Person aus dem Publikum während eines Liedes Tränen in den Augen hat oder dieses Lied grade emotional nicht mitsingen kann. Da kannst du diese Zeit nutzen, um für sie zu beten. Wenn du reizüberflutet bist, darfst du dir Zeit nehmen, einmal durchzuatmen, dich hinzusetzen oder auch kurz den Raum zu verlassen.
Tipps für Lobpreisleiter
Wenn du das nächste Mal eine Lobpreiszeit anleitest, denke daran, dass du ein gemischtes Publikum vor dir hast. Es kann sein, dass Menschen beobachten, dass du grade ein Stoßgebet brauchst und beten für dich.
Es kann sein, dass Menschen nach dem Konzert zu dir kommen und dich besonders ermutigen möchten, diesen Dienst weiter zu tun. Diese Menschen können hochsensibel sein, können aber auch musikbegeisterte, andere Lobpreisleiter oder andere Menschen in Leitungspositionen sein. Denke daran, dass du während des Anleitens gesehen und getragen wirst.
Vielleicht kannst du bei der nächsten Lobpreisplanung bewusst Zeit einplanen, wo die Gemeinde Zeit hat, um persönlich zu beten und zur Ruhe zu kommen. Ich denke, dass dies grundsätzlich eine gute Gewohnheit ist und ist für Hochsensible besonders hilfreich, um in Ruhe vor Gott zu kommen.
