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2019 hatte ich einen außergewöhnlichen Termin in Kalifornien. Mein Geschäftspartner und ich wurden als Start-up Musikverlag zur Jahresversammlung der CMPA eingeladen. Das ist die Christian Music Publisher Association (Vereinigung Christlicher Musikverlage in Amerika). Es war eine tolle Erfahrung. Wir konnten mit vielen Führungskräften großer Musikverlage sprechen. Würden wir jedoch dieses Jahr wieder hinfahren, würden wir so manchen großen Chorverlag nicht mehr antreffen. Hier ein Zwischenbericht von dem, was derzeit in den Musikverlagen los ist.

Alles vorbei!

In der Coronakrise sind Chöre erschreckend schnell von der Bildfläche verschwunden und seither sind viele auch nicht wieder aufgetaucht. Der Bedarf an neuem Material ist einfach nicht vorhanden. Das hat so manchem Großverlag den Todesstoß gegeben.

Chornoten sind aus diesem Grund noch nicht vom komplett verschwunden, aber „die besten Kirchenmusik Ressourcen auf dem Markt“ sind dadurch nicht mehr vorhanden, so Kirk Kirkland (Arrangeur und Aufnahmesänger).

Es gibt kleine, unabhängige Verlage, die jetzt versuchen, diese Lücke zu füllen. Doch hochwertige Chormusik zu produzieren ist aufwendig und teuer.

Mehr als andere Musikdienste lebt der Gemeindechor von guten Liedressourcen, die auf den eigenen Chor passen. Ein breites Angebot ist da sehr hilfreich.

In Deutschland sind Chorlieder schon lange nicht mehr das Hauptgeschäft hiesiger Verlage. Viele mir bekannte Dirigenten beziehen ihre Literatur schon seit Jahren aus diesen US-Amerikanischen Verlagen.

Diese Entwicklung betrifft uns in Deutschland daher direkt und unmittelbar.

Marktkenner sagen, dass in den USA viele kleine und mittlere Kirchen mit Chören in die COVID Krise hinein gingen und sie ohne Chöre wieder verlassen haben. Ein früher zentrales Element der Musikdienste geht rapide verloren.

In der Zeit der Pandemie haben sich für den Chor drei Entwicklungen verstärkt. Sie waren vorher schon zu beobachten, gewannen aber durch die Einschränkungen der letzten Jahre enorm an Bedeutung.

Alternative Chormodelle

Brian Brown, Direktor von Lifeway Worship, beobachtet, „Gemeinden benutzen Chöre vermehrt als Lobpreisteams.“ Es werde daher in Zukunft mehr darum gehen, 4-stimmige Notensätze für Lobpreislieder zu produzieren.

Zum einen sind diese Lieder oft schon bekannt und musikalisch nicht so herausfordernd. Das reduziert den Probebedarf, und der Chor kann an mehr Liedern beteiligt werden.

Andererseits sind so arrangierte Lobpreislieder auch günstiger zu produzieren und haben schon länger einen Markt (siehe z. B. www.praisecharts.com).

Digital statt Druck

Nicht alle Verlage haben ihre Tore geschlossen. Aber die Print-Verlage leiden am meisten. Der digitale Download ersetzt wohl bald endgültig die gedruckten Chornoten.

Vereinzelt gibt es auch Gemeinden, die ihren Chorsängern statt Notenblätter Tablets an die Hand gibt. Ob sich das aber weitgehend durchsetzt, bleibt abzuwarten.

Chorsterben

Wie schon oben erwähnt sind Chöre leider in den letzten zwei Jahren auch in Deutschland gestorben. Die Gründe dafür können vielfältig sein:

  • Motivation: Die Dirigenten oder auch ein größerer Teil der Sänger haben schlicht den Mut zum Weitermachen verloren. COVID hat uns alle viel gekostet und mancher hat die Kraft dazu nicht wiedergefunden.
  • Orientierung: Als in den Lockdowns das Gemeindeleben fast gänzlich zum Erliegen kam, haben sich einige Gemeinden einigen grundsätzlichen Fragen gestellt. Viele Programme kamen auf den Prüfstand und manchmal führte das zum Ende der Chorarbeit.
  • Gesundheit: Nicht alle Chöre waren geistlich und musikalisch gesund, als die Krise begann. Es war eigentlich nur eine Frage der Zeit, bis etwas passieren würde. Der Prozess wurde durch Corona nur beschleunigt.

Alles vorbei?

Doch ich möchte diesen Artikel nicht so negativ und bedrückend abschließen. Es gibt tatsächlich auch Positives zu berichten.

In der Coronazeit haben viele Dirigenten Wegen gefunden, die Gottesdienste trotz allem zu bereichern. Massen-Chorvideos, gefilmte Adventanspiele und -Konzerte, Proben unter Hygieneschutzmaßnahmen und ein unbändiger Wille weiterzumachen. All das habe ich auch gesehen.

Der Chor darf und soll auch in Zukunft einen Platz in den Gottesdiensten haben. Dafür gibt es gute Gründe zuhauf.

Allerdings ist der Gemeindechor schon seit längerem keine Selbstverständlichkeit mehr. Ich finde das im Grunde gut, wenn das dazu führt, dass sich Gemeindeleitungen und Dirigenten bewusstmachen, warum sie den Chor im Gemeindeleben brauchen.

Das Ergebnis kann dann nämlich eine feste Basis, ein biblisches Verständnis und ein geistlicher Rückhalt für eine gesunde, vorwärts gerichtete Chorarbeit sein. Also, Kopf hoch, Rücken grade, Augen nach vorne und … Einstieg!

 

(Zitate und Fakten wurden dem Artikel entnommen: „Church music landscape rearranged as big publishers close“ von Laura Erlanson, Baptist Press, January 3, 2022)

Kommentare

2 Kommentare

  1. Danke für diese Analyse und Einschätzung. Bei uns ist es so, dass sich viele nach dem Chor sehnen und ich hoffe, dass dieser auch bald wieder komplett singen darf. Weil, wie du sagst, es kostet viel Kraft und Energie die Motivation und Kommunikation hoch zu halten.

    • Hallo lieber Michael. Danke für dein Kommentar.


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