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„Wenn es so weiter geht, dann wird die nächste Generation keine Lebenslieder mehr haben.“ Diese Aussage lässt mich nicht mehr los. Wir waren mit einer Gruppe Gemeindemusiker in den USA unterwegs und saßen im Wohnzimmer von Robert J. Morgan. Er ist Autor und Pastor im Ruhestand. Außerdem ein Experte im Bereich von Gemeindeliedern und Hymnologie. Wir trafen noch weitere Musikgrößen auf dieser Reise. Und immer wieder ging es darum, wie schnelllebig unser Lobpreisrepertoire geworden ist. Wo bleiben unsere Lebenslieder? Ist das eine ernstzunehmende Frage?

Lebenslieder

Lebenslieder sind Melodien oder Texte, die uns unser ganzes Leben begleiten. Wir sind mit ihnen aufgewachsen, haben prägende Momente erlebt und werden zu ihren Klängen zu Grabe getragen.

Es sind alte Lieder. Oder noch nicht alte Lieder.

Bereits Mitte der 1970er-Jahre wurde bemerkt:

„In einem noch nicht erlebten Tempo löst eine ganz neue Zeit die alte ab, die selbst die jüngsten Lieder, ehe sie weiter bekannt werden konnten, als bereits überholt, einer fremden Zeit zugehörig erscheinen lässt. Das bahnt sich in den Fünfziger Jahren an und tritt im folgenden Jahrzehnt voll zutage, das wiederum von einer ganz neuen Situation geprägt ist.“ (Karl Christian Thust)

Das Phänomen der verlorenen Lebenslieder ist also nicht neu, aber ernst ist es allemal.

Wie lange lebt ein Lied?

Doch selbst der Begriff „alte Lieder“ ist schon wieder schwer zu greifen. Kürzlich war ich auf einer Tagung in einem christlichen Werk, wo einige Jugendliche gebeten wurden, die versammelten Pastoren im Lobpreis anzuleiten.

Der engagierte junge Lobpreisleiter eröffnete mit den Worten, „da ich ja wusste, wen ich heute anleiten darf, habe ich bewusst einige ältere Lieder ausgesucht.“

Und dann leitete er uns in diesen alten Liedern an … keines älter als 10 Jahre! Sie waren bereits alt in seinen Augen.

Wenn ich in meiner Heimatgemeinde in der Jugend einen Vortrag halte, dann achte ich ganz genau auf die Lieder im Lobpreis. So gut wie keines aus meiner Jugendzeit hat überlebt. Ein weiterer Hinweis auf die Schnelllebigkeit unserer Lieder.

„Wir wechseln unsere Lieder schneller aus als unsere Handys,“ sagte mir Musikprofi aus den USA. Das ist erst einmal eine Feststellung, kein Urteil.

Nun kann man das einer Jugend, die doch schon im Schnitt 15 Jahre jünger ist als ich, gern verzeihen. Eine neue Generation findet ihre eigenen Lebenslieder.

Aber wie sähe es aus, wenn du nach 15 Jahren in deine Heimatgemeinde zurückkommen würdest. Wie viele der alten Lieder, die dir wichtig sind, wirst du wiederfinden?

Wären deine Lebenslieder noch dabei?

Ein wenig Wissenschaft

In meiner Studienzeit habe ich mich mit der Lebensdauer von Lobpreisliedern befasst. Dazu untersuchte ich die Top 25 Rangliste der an CCLI-USA gemeldeten Liedern von 1997 bis 2014.

In diesem Zeitraum von 17 Jahren schafften es 85 unterschiedliche Lieder in die Top 25 der meistgesungenen Lieder. Etwa die 20% davon hielten sich nur maximal 1 Jahr auf diesen Rängen.

Andererseits hielten sich andere Lieder ständig auf hohem Niveau. Hier eine Auswahl:

  • Ruft zu dem Herrn
  • Herr, dein Name sei erhöht
  • Herr, öffne du mir die Augen
  • Komm, jetzt ist die Zeit, wir beten an
  • Ich will dich anbeten
  • So groß ist der Herr

In dieser Erhebung konnte ich also nicht feststellen, dass Lieder „ständig“ ausgewechselt werden. Allerdings ist 2014 musikgebrauchstechnisch auch schon wieder eine ganz Weile her.

Außerdem muss auch bedacht werden, auf welche Weise die Lieder in die Gemeinde kommen. Die Daten von CCLI widerspiegeln nämlich nicht, wo noch Liederbücher eingesetzt werden.

Wie alt ist Lobpreis?

Lobpreismusik, einst als das moderne und relevante neue geistliche Lied gefeiert, hat in vielen Gemeinden bereits den Platz der Choräle und Hymnen eingenommen. Wo das heute noch nicht so ist, bleibt es eine Frage der Zeit. Es ist unausweichlich.

Die heranwachsende Generation nimmt Lobpreismusik nicht mehr unbedingt als etwas Frisches und Neues wahr. Sie kennt oft nichts anderes.

Sie ist damit aufgewachsen. Das ist halt die Musik ihrer Gottesdienste.

Ein Kenner der Szene sagte mir, „Lobpreismusik ist inzwischen etwas für die Ü30 Generation.“ Das stimmt wohl nicht in jedem Kontext, doch es beschreibt den natürlichen Lauf der Dinge.

„Ich weiß gar nicht, was die Jugend überhaupt vom Lobpreis erwartet.“ Dieses Bekenntnis eines deutschen Songwriters lässt doch aufhorchen. Und ich kann dieser Einschätzung zustimmen.

Weißt du, welche Musik die 12-16-Jährigen in deiner Gemeinde singen wollen? Traust du dich, einmal nachzufragen?

Gesangbücher

Sie stützen und verlängern die Lebenszeit eines Liedes. Die Anschaffungskosten allein helfen, dass sie nicht schnell ausgewechselt werden.

In den USA bringen die Verlage etwa alle 10-15 Jahre ein neues Liederbuch heraus. Aber noch lange nicht alle Gemeinden nehmen jede neue Ausgabe auf.

In meiner Gemeinde habe ich bisher nur einen Liederbuchwechsel erlebt, und das in einem Zeitraum von über 30 Jahren. Doch das stimmt eigentlich nicht.

Seit der Anschaffung unseres Beamers vor 12 Jahren haben wir ein neues, dynamisches Liederbuch dazubekommen: das Internet! Langsam, aber sicher haben Online-Quellen nicht nur den Gebrauch des Liederbuches, sondern auch die meisten Lieder daraus, ersetzt.

Internet

Der Zugang zu virtuell allen Liedern der Welt ist ein wunderbarer Segen. Google ist das Inhaltsverzeichnis, kostenlose Webseiten liefern Texte und Akkorde, YouTube oder Spotify haben die Klangbeispiele und manchmal sogar die Tracks und CCLI gibt uns die Rechte, sie ordentlich im Gottesdienst einzubringen.

Doch dieser Medienwechsel hat auch folgen.

  • Lieder können schneller eingebracht und ersetzt werden
  • Lieder werden auf der ganzen Welt ähnlich oder gleich gesungen
  • Lieder können leichter theologisch ungeprüft in Gemeinden einziehen
  • Lieder werden oft so nah am Original wie möglich umgesetzt
  • Lieder werden schneller ermüdend und alt

Wie du diese (unvollständige) Liste bewertest sei dir überlassen. Fakt ist, wir stehen tatsächlich immer in der Gefahr, das Konzept „Lebenslieder“ zu verlieren.

In meiner Gemeinde leitete ich bis zuletzt mit einem Team von Jugendlichen den Lobpreis in Gottesdienst. Was meint ihr, wofür wir die meiste Zeit in den Proben verwendeten? Für das eine alte Lied, das leider keiner mehr so richtig kannte!

Robert Morgan sagte mir: „Wir müssen einen Weg finden, unsere Lebenslieder zu erhalten.“ Ich habe kein Wasserdichtes Rezept dazu. Und du?

 

Kommentare

2 Kommentare

  1. Ich suche Texte von alten Lebensliedern in deutsch, die ich in meine christliche Facebook-Gruppe weitergeben möchte. Haben Sie die Möglichkeit, mir solche Text zukommen zu lassen.

    Mit freundlichen Grüßen
    Elvira Dahm

    • Hallo liebe Elvira.
      Lebenslieder sind eine sehr persönliche Sache. Wir alle haben unsere eigenen Lieder, die uns ein Leben lang begleiten können. Wenn du aber nach Liedern suchst, wäre diese Website ein guter Start: https://www.evangeliums.net/lieder/


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